Betreuung deutscher Auswanderer
Der Landkauf
Die Unterkunft der Siedler
Der Neubeginn
Die Landwirtschaft
Die christliche Kirche
Die Ostfriesischen Nachrichten
Auswandererlieder
Quellen
In den Staaten Illinois und Iowa ist eine besonders hohe Konzentration an ostfriesischen Auswanderern zu vermerken, da eine gewisse Übereinstimmung in den Bereichen Landschaft und Klima zwischen Ostfriesland und den Staaten Illinois und Iowa besteht.
In Illinois hat die "ostfriesische Besiedlung" des Westens begonnen, und von hier aus zogen die Einwanderer weiter in den Westen hinaus.
"Eigenartig ist es, wie die vielen Auswanderer aus Ostfriesland hier in dem neuen Gebiet das Bestreben zeigten, geschieden nach den Gebieten aus denen sie kamen, auch hier zusammenzubleiben. Fast nirgends. z.B. haben sich die Bewohner aus der Marsch mit den Bewohnern aus den Sand- und Moorgegenden vermischt. Die Auswanderer aus den Kreisen Emden, Weener und dem westlichen Teil des Kreises Leer, vornehmlich also aus den reformierten Gemeinden, zogen weiter nördlich. Freeport in Illinois und Adlen in Iowa waren fast ohne Ausnahme ihre Reiseziele, und von dort aus haben sie sich über diese beiden Staaten und weiter ü Minnesota und die beiden Dakotas verbreitet. Auswanderer aus dem Kreise Norden kamen fast alle nach dem mittleren Illinois. Die Leute aus dem Kreise Aurich und dem nördliche Teil des Kreises Leer kamen zuerst nach dem mittleren und südlichen Teil des Staates Illinois, zogen von dort weiter nach dem Staate Missouri, meist aber durch diesen hindurch nach Nebraska.
Sehr viele, besonders die Holtroper, zogen nach Golden in Illinois, dieses wurde fast ein zweites Holtrop; andere zogen noch weiter südlich, nach Meard Co., und nach der Nähe von St. Louis. Im allgemeinen kann man sagen, daß diejenigen, die weiter nach Norden zogen, das bessere Teil erwählten, Boden und Klima sind dort vorteilhafter. In einigen Gegenden Iowas findet man unter den Ostfriesen auch ein paar lutherische Gemeinden, aber ihre Zahl ist sehr klein."
Die nordamerikanisch Lebenshaltung wurde geprägt durch den ständigen Abwehrkampf gegen die Indianer, die religiöse Selbständigkeit und das Improvisationstalent, ein großes Selbstvertrauen und Freiheitsbewußtsein erhielt man durch den Unabhängigkeitskrieg.
Besonders Deutsche wurden oft zu einer leichten Beute für betrügerische Agenten, welche aufgrund der Tatsache, deutsch zu sprechen, schnell das Vertrauen der Einwanderer gewinnen konnten, um sie später zu hintergehen.
Deshalb taten sich in den großen Einwanderungshäfen ehemalige deutsche Auswanderer zusammen um sogenannte "Deutsche Gesellschaften zur Betreuung von Auswanderern" zu gründen, dessen Aufgabenbereich die Vergabe von Darlehen, die medizinische Behandlung in Armenpraxen und den rechtlichem Beistand umfaßte. Etliche Einwanderer starben besonders in der frühen Zeit der Einwanderung an den Folgen der katastrophalen Verhältnisse auf Kanalbooten und Flußschiffen, die sie in den Hafenorten bestiegen, um zu ihren eigentlichen Siedlungsgebieten im Westen zu gelangen. Manches Mal kamen auch Epidemien und Seuchen hinzu, denen die ausgelaugten Auswanderer am Bestimmungsort ihrer Reise zu Opfer fielen. Später wurden darum Quarantänestationen zu Bekämpfung von eingeschleppten Krankheiten und eine Kopfsteuer für Einwanderer in Höhe von 1,40$ eingeführt, welche die Bedingungen für deutsche Einwanderer, in das von ihnen so lang erwartete Land zu kommen, stark erschwerten.
Bei dem Ankauf des Landes wurden auch viele der Landsucher jämmerlich übers Ohr gehauen. Solche, die sich nicht die Mühe machten, zuerst ein Stück Land in Augenschein zu nehmen, sondern sich ein Stück Land auf der Landkarte aussuchten und einen Kauf bewerkstelligten, fanden sehr oft, als sie es später in Besitz nehmen wollten, daß sie einen Sumpf oder Pond gekauft hatten; andere fanden, daß ihre Viertelsektion an verschiedene andere Käufer verkauft worden war, und mußten mit langen Gesichtern und um eine Erfahrung reicher wieder abziehen, oder einen anderen Platz kaufen. Auch war das Land nicht immer ordentlich vermessen, und die Auffindung einer Viertelsektion auf der mit mannshohem Grase bewachsenen Prärie bereitete zuweilen keine geringen Schwierigkeiten.
In Amerika war Ackerland nach europäischen Maßstäben sehr billig, so daß sich viele Auswanderer voll und ganz der Landwirtschaft verschrieben. Durch die geringen Geldbeträge für Land stellt Amerika einen Kontrast zu Deutschland dar, da hier aufgrund eines Gesetzes zur Vorbeugung von Armut sogar Unbemittelten die Möglichkeit offenstand Land zu erwerben und hierfür in gewissem Rahmen Schulden zu machen. Besonders die deutschen Auswanderer hatten aufgrund ihres hohen Bildungsstandards, ihrer guten landwirtschaftlichen Kenntnisse und der Gewöhnung an fleißige Arbeit einen guten Ausgangspunkt.
Riesige Päriegebiete des amerikanischen Wesens waren vom Kongreß 1796 genau eingeteilt und zur Besiedlung freigegeben worden. Es wurden gleichgroße "townships" ausgelegt, die jeweils die Größe von 36 Quadratmeilen oder 36 "Sektionen" hatten. Eine Sektion umfaßte dabei genau 640 acres, das sind etwas mehr als 200 Hektar. Das Land wurde nun weiter eingeteilt in sogenannte "Quarter sections", Viertelsektionen, jeweils in der Größe von 160 acres. Im Normalfall wurden an Siedler solche Viertelsektionen oder auch kleinere Landstücke vergeben.
Sie konnten auf verschiedene Art und Weise erworben werden. Man konnte zunächst einen "claim", einen Anspruch auf ein unbesiedeltes Stück Land bis zur Größe von 160 acres erheben. Dieser Claim mußte jedes Jahr durch persönliche Eingabe im Landbüro der Regierung erneuert werden. Versäumte man diesen "Claim-Termin", war das Land sofort frei und konnte natürlich auch sofort auf Dauer erworben werden, meisten zum Preis von 1,23$ pro acre, manchmal sogar noch billiger. Die vier Viertel einer Sektion wurden nach den Himmelsrichtungen benannt.
Im Oktober 1908: "Alle Eisenbahnwagen waren dicht besetzt von Leuten, besonders auch aus den Ansiedlungen unser Ostfriesen, die gen Westen fuhren, und das Ziel all derer war "Tripp County". Was war es nun, das alle diese Leute nach dem geheimnisvollen Tripp County in Bewegung setzte? Nun, dort hielt Onkel Sam selbst eine Lotterie ab, und zwar eine Landlotterie, bei der alle Gewinne nur aus Land bestanden. Es war keine kleine Fläche, welche die Regierung der Vereinigten Staaten zur Verlosung stellte, sondern ein ansehnliches Ländchen von 760000 acres oder 307500 ha Größe (etwa so groß wie Ostfriesland). Der etwaige Gewinner mußte 14 Monate auf seiner neuen Farm ununterbrochen wohnen und dann für jeden acre sechs Dollar, im Ganzen 960$ zahlen. Es waren zusammen 114769 Anmeldungen eingetragen und ebenso viel Lose waren demnach auch in der Lotterie. Ein Großteil der Gewinner verbrachte die 14 Monate lang in einer notdürftig hergestellten Hütte, bis die Landpreise derart gestiegen waren, daß ein Verkauf sich lohnte.
Der erst Schritt zur Ansiedlung war durch den Kauf eines Stücke Landes getan. Nun galt es eine Unterkunft auf dem frischerworbenen Land zu schaffen, und hier begannen die ersten Schwierigkeiten.
Ein Blockhaus für die Menschen und ein Strohhaus für die Tiere waren die ersten Erfordernisse. Die älteren amerikanischen Pioniere hatten oft ein Blockhaus zu verkaufen, da sie schon ein besseres Haus für sich bauen konnten, und da die "grünen" Deutschen nicht so gut mit einer Axt umgehen konnten, nahmen sie gerne die Gelegenheit wahr, die alten abgerissenen Gebäude für ein paar Dollar zu kaufen. Das Befestigen der Dachsparren auf den vier Wänden wurde gern von de Siedlern gemacht. Die Amerikaner kamen willig und dirigierten als alte Pioniere das Werk. Diese alten Pioniere wußten wie ein Haus notfalls ohne Eisen und Nägel zu errichten war. Axt, Säge und Bohrer waren alle Werkzeuge, die sie brauchten. Aus bestimmten weichen Holzarten machte man die Möbel. Eine große Feuerstelle am Giebelende mit großem Schornstein aus Soden oder Bruchstein an der Außenseite errichtet, machte den Raum während des schlimmsten Winterwetters gemütlich. Die Wohnhäuser waren oft gar nicht so klein, oft bis zu 30 Fuß lang und 20 Fuß breit, da es natürlich keinen Mangel an großen schlanken Bäumen für die Dachsparren gab. Der Raum war selten unterteilt. Kisten, aus der Heimat mitgebracht, wurden der Länge nach aufgestellt und ergaben ausgezeichnete Kleiderschränke. Das Aufstellen von Tisch und Bänken erforderte keine große Geschicklichkeit.
Für einen guten Neubeginn im Westen zählt Josiah Marshalls Handbuch folgende Dinge als nützlich auf, vergißt aber auch nicht, die zum Teil immensen Kosten anzugeben:
Insgesamt kommt Josiah Marshalls Ratgeber auf eine Summe von 254 Dollar und 50 Cent, aber diese Summe war für das Gros der Einwanderer natürlich nicht aufzutreiben. Manches aus Ostfriesland mitgebrachte Stück wurde umfunktioniert, anderes mit Nachbarn zusammen genutzt. Derjenige galt als überaus gut ausgerüstet, der schon in der Anfangszeit Pferd und Wage, Ochsen und Pflug sein eigen nennen durfte.
In einem seiner Briefe gibt Engelke van Raden einen Eindruck der Bodenbeschaffenheit und der Landwirtschaft:
"Stets fragt ihr über den Boden. Hier, wo wir wohnen, ist es meist gelber Klei, vermischt wie Escherboden, gut für alle Früchte. Dies ist Buschland, wo das Holz alt ist. Vater hat hier 20 Acker, da haben er und ich letztes Frühjahr zwölf Äcker von rein gemacht und gebrochen, eingezäunt, besät und bepflanzt. Es war etwas spät für Weizen, aber wir haben eine Probe gemacht. Von ¾ Buschel haben wir zwölf Buschel wieder erhalten. Kartoffeln so gut und viel, als ich in Ostfriesland denken mag. Mais hat Vater 200 Buschel gekriegt, wo er seine 20 Schweine und 8 Kühe mit füttert. Das Prärieland heißt, wo gar und nimmer kein Busch oder Holz gewachsen ist, da ist der Boden schwarz und dauerhafter. Da ist zwei bis drei Fuß fruchtbarer Boden, was gepflügt und besät wird. Jahr auf Jahr. einen guten Ertrag bringt, wenn der Allmächtige Regen und Fruchtbarkeit schenkt; denn dieses Jahr haben wir eine so gute Ernte gehabt, daß es schön war. Es sind Bauern, die von 20 bis 40 Buschel Weizen vom Acker gedroschen haben."
Die Besiedlung Iowas durch ostfriesische Pioniere fällt in die fünfziger Jahre des 19. Jahrhunderts. Nach und nach waren so viel Ostfriesen in die Ansiedlungen im Bundesstaat Illinois gekommen, daß der Raum auf der Prärie zu eng wurde und man nach neuen Möglichkeiten zur Landwirtschaft Ausschau halten mußte.
Besonders in der sogenannten "Mutterkolonie" im nördlichen Illinois stiegen die Landpreise, so daß Neuankömmlinge immer seltener eine Farm kaufen konnten und immer schwieriger das Geld zum Erwerb einer eigenen Farm zusammenbrachte.
Die Anfänge der ostfriesischen Siedlungen waren natürlich äußerst bescheiden und oft noch armseliger als die ersten Zeiten der Siedler in Illinois. Nach und nach kamen jedoch auch hier die Siedler zu Wohlstand, und nach einer Phase der Stagnation in den späten sechziger Jahren war der Fortgang der Siedlungen nicht mehr aufzuhalten. Viele der kleinen Dörfer und Städte, deren Namen vielen Ostfriesen wohl vertraut sind, nahmen einen enormen Aufschwung oder entstanden ganz neu.
Wie bescheiden trotz aller Fortschritte die Verhältnisse auch Mitte der 70er Jahre in der ganzen Kolonie waren, läßt sich anhand der folgenden Tatsache ablesen:
Für die Finanzierung der erstmaligen Errichtung der Kirche und für die Genehmigung von weiteren finanziellen Unterstützungen verlangte die presbyterianische Kirchenleitung, daß mindestens ein Stück schuldenfreies Land in der Gemeinde nachzuweisen sei.
Nachdem die ostfriesischen Einwanderer irgendwo im Mittleren Westen der USA heimisch geworden waren, wurde fast überall schon in den ersten Jahren des Aufbaus der Siedlungen eine christliche Gemeinde gegründet. Diese Gemeinden waren ganz besonders wichtige Institutionen in der Weite des amerikanischen Westens. Oft war es allein der Gottesdienst am Sonntag, der die weit verstreut auf ihren Farmen lebenden Farmer zueinander brachte und ihnen den Kontakt zu Freunden und Verwandten erhielt.
Ganz unabhängig vom individuellen Glauben bot die Zugehörigkeit zu einer Kirche, die man aus der Heimat kannte, unter optimalen Bedingungen ein ganzes Spektrum von sozialen Stützfunktionen und Absicherungen, die den meisten Einwanderern in ihrem Zustand des Neubeginns und der Isolation in einer noch fremden Gesellschaft sehr viel bedeuteten.
{Bild: Erste Kirche bei Holland Grundy Co. (Iowa) - 1871-1899}
Die "Ostfriesischen Nachrichten", Iowa waren das einzige nichtkirchliche Blatt in Nordamerika, das von Ostfriesen verbreitet und von ostfriesischen Familien gelesen wurde. Durch die Herausgabe desselben - seit Januar 1882 anfangs vierzehntäglich, später am 1., 10. und 20. jeden Monats - hat Reverend Hündling sich um die Erhaltung des Stammesbewußtseins in Amerika so verdient gemacht wie kein anderer Mann.
Das Vorwort zur ersten Ausgabe dieser Zeitung drückte aus, daß das Blatt dazu dienen solle, die verschiedenen, lokal oft weit voneinander entfernten ostfriesischen Kolonien enger miteinander zu verbinden. Die Ostfriesen sollten durch das Blatt über den Stand, die Verhältnisse und die Entwicklung der verschiedenen Niederlassungen besser unterrichtet werden, an den Beschwerden und an dem Wohlergehen der anderen Stammesgenossen teilnehmen und dadurch das Gefühl der Zusammengehörigkeit pflegen. Ferner wurde in der ersten Ausgabe mitgeteilt, daß die "Ostfriesischen Nachrichten" kein Kirchenblatt, seien, und es auch nicht wünschten ein Kirchenblatt aus irgendeiner Familie zu verdrängen. Doch sollte das Blatt einen entschiedenen christlichen Standpunkt einnehmen und fest zu der in der heiligen Schrift "offenbarte göttlichen Wahrheit" halten.
{Bild: Titel der Ostfriesischen Nachrichten}
Die Situation der Einwanderer wird in vielen "Auswandererliedern" widergespiegelt, wobei die Eindrücke sich stark unterscheiden. Zur Verdeutlichung dieser Tatsache werden zwei Auswandererlieder abgedruckt, dessen Hauptaussagen in einem großen Kontrast zueinander stehen:
1. Heil Dir, Columbus, sei gepriesen, Sei hoch geehrt in Ewigkeit! Du hast mir einen Weg gewiesen, Der mich von harter Dienstbarkeit Erretet hat, wenn man es wagt und seinem Vaterland entsagt. Hier ist der Mensch an nichts gebunden, Was er erwirbt, gehört auch sein, Die Steuern sind noch nicht erfunden, Die unser Leben machen zu Pein. Wer redlich schafft, der hat sein Brot, Er leid't kein Mangel und kein' Not. 2. Freunde, bleibet hübsch im Lande, Und ernährt euch redlich dort, Im amerikanischen Sande Kommt ihr noch wen'ger fort. Sonne auf den Pelz euch brennt, Plagen, die ihr nicht kennt, Regnen dort auf euch herab, Und das Geld ist da auch knapp. Ließ mich leider auch verleiten, Zog mit Weib und Kind dahin, Tausend Meilen mußt ich schreiten, Tat's mit unverdroßnem Sinn; Hoffte in Amerika Sei im Vollen alles da, Rittergüter klein und groß Nehme nur sich jeder bloß. Ach wie soll ich euch doch schildern Meine Täuschung, meine Not! Bei den schön geträumten Bildern Fehlte mir das liebe Brot. Kläglich auf der Reise schon Starb mein lieber kleiner Sohn, Und mein Weib, erkrankt und matt, Fühlte sich des Lebens satt. Freunde, laßt euch dringend sagen, Bleibt in eurem Heimatsland, Und ertragt mit Mut die Plagen, Die euch einmal schon bekannt. Glaubt mir, in Amerika Sind noch größre Leiden da, Und wer Lust zur Arbeit hat, Ißt sich auch zu Hause satt.
(Auszug aus einem zehnstrophigen Auswandererlied, welches in der Mitte des 19. Jahrhunderts auf fliegenden Zetteln verbreitet wurde und deutlich im Dienste der Propaganda gegen die Massenauswanderung stand.)
{Es folgen Bilder: Spezialkarte der deutschen Kolonie "Wartburg Morgan Country" in Ost-Tennesse aus dem Jahre 1848, Das "zweite Bremen", Ein Blockhaus am Mississippi, Herrnhuter Siedlung: Salem in Süd-Carolina (1766) von der Süd-West Seite gesehen 1830, Blockhaus einer Farmerfamilie, Plan der Kolonie "Neu Eben Ezer" in Georgia, USA, verlegt von Matth. Seutter um 1740}